Über Hass

Hass ist ein Gefühl. Also eine biologische Steuerung. Als solche ist er nichts spezifisch Menschliches. Erfahrene Hundehalter wissen, dass zwischen zwei Hunden, ohne dass man sagen kann warum, der schiere Hass ausbrechen kann und dann gibt es nur eines: dafür sorgen, dass diese beiden sich nie begegnen. Denn jede solche Begegnung wird tödlich enden, wenn man nicht eingreift.

Wenn es nicht gerade um ein läufiges Weibchen geht, sind Hundekämpfe normalerweise recht harmlose Angelegenheiten. Es geht darum, den Gegner niederzuwerfen, zu dominieren, manchmal (aber keineswegs immer) auch zu vertreiben. Dabei kommt es höchstens einmal zu einer Schramme oder einem geschlitzten Ohr. Wenn es aber der Hass ist, der die Gegner motiviert, ist es damit nicht getan. Dann wird die Sache blutig. Die Hunde beißen zu, wollen vernichten, töten und dies so blindwütig, dass kaum etwas sie auseinander bringt.

Damit haben wir ein wesentliches Merkmal des Hasses: der Vernichtungswille. Highlander, es kann nur einen geben.

Hass ist also ein extremes Gefühl, das die Funktion hat, die Entscheidung zu einem für das Überleben des Lebewesens wesentlichen Kampf, um’s Revier, um’s Weibchen, um’s Rudel, um die Jungen, durch die Zeit durchzuhalten und dabei alle widerstreitenden Gefühle nach Aufgabe, Flucht usw. auszuschalten. Von daher ist der Hass ein enger Verwandter der Panik.

Es gibt auch andere Definitionen von Hass. Ich halte nichts davon. In meinen Augen sind sie weiter nichts als Versuche, eine schlichte, bei zumindest jedem höheren Lebewesen beobachtbare biologische Steuerung zu vermenschlichen. Der Leser möge selbst entscheiden, was ihm plausibler und überzeugender erscheint.

Üblicherweise zielen diese anderen Definitionen ab auf Ursachenforschung: wie kommt es dazu, dass einer hasst? In reiner Form sind die Gründe gleich dem des Viehzeugs: es geht um die Verteidigung oder Eroberung von etwas, was für das materielle, soziale oder gar nackte Überleben wesentlich erscheint.

Natürlich sind wir Menschen um einiges komplizierter als das Viehzeug. Insbesondere auch wegen unserer Kommunikationsfähigkeit und die bringt es mit sich, dass Hass auch willentlich erzeugt werden kann. Üblicherweise durch das, was unser StGB Volksverhetzung nennt, die nicht umsonst strafbar ist. Denn Hass ist für jeden Kriegsherren und auch Möchtegern-Volksführer eine sehr attraktive Angelegenheit. Schafft er es, das Volk und insbesondere auch seine einfachen Soldaten zum Hass auf den Feind zu treiben, dann hat er auch todesmutige Kämpfer.
Bei den einfachen Soldaten. Denn Gefühle stehen der Vernunft entgegen und nur mit Gefühlen gewinnt man keine Schlacht. Nichts desto trotz, Hass ist zuweilen eine politisch hoch willkommene Sache.
Die man allerdings nicht mit Gefühlen bekämpft, dann verhält man sich nämlich wie das Viehzeug, das auf Gefühle mit Gefühlen reagiert und sich damit gegenseitig hoch schaukelt. Man bekämpft ihn mit dem, was nicht umsonst alle populistischen Diktatoren als ihren gefährlichsten Feind ansahen: ruhige, sachliche, insbesondere aber menschliche Vernunft.

Das populärste Subjekt des Hasses ist zur Zeit der Islam und die Muslime. Das hat Gründe.
Zum einen sind es die zumindest in den USA noch immer recht populären Schriften von Huntington und seiner Theorie vom „Clash of Civililzations“, die eine vom Autor wohl kaum beabsichtigte Liaison eingegangen ist mit evangelikalem Armageddon-Denken. Das Ergebnis dieser Liaison sind Hassprediger wie Pamela Geller oder das zionistische Gatestone-Institute in den USA. Denn selbstverständlich haben auch rechtsradikale Zionisten ein großes Interesse daran, Hass auf Araber, Muslime und insbesondere Palästinenser (deren Existenz als eigenständiges Kulturvolk sie ja schlichtweg negieren) zwecks Vertreibung zu schüren.

Es erscheint durchaus angebracht, sich solcher Hasspropaganda, die ja schon den Irak-Krieg rechtfertigte (G.W. Bush ist ein wiedergeborener, Armageddon-Gläubiger Evangelikaler) und deren fürchterliche Auswirkungen in den Fotos von Abu Ghoreib zu besichtigen sind, entgegen zu stellen.

Darum geht es mir hier aber nicht. Vielmehr ist der Zweck dieser langen Vorrede, vor Augen zu führen, was Hass tatsächlich ist und wie er im politischen Geschäft aus unlauteren Gründen (denn Mordlust und Vernichtungswillen zu provozieren ist immer unlauter) eingesetzt wird.
Um im Gegensatz dazu zu erkennen, was beim heute geradezu inflationären Gebrauch des Begriffes Hass, Hater, Hate Speech tatsächlich der Fall ist.

Der heute umstrittene Hass-Begriff kam wohl durch extremistische Gender-Feministinnen zu zweifelhaftem Ruhm, die grundsätzlich jedes Widerwort als Frauenhass abqualifizierten. Was sie selbst nicht daran hinderte, die HWM, die heterosexual white men, mit Verve herabzusetzen, zu diffamieren und zu beleidigen. Was selbstverständlich keine Hate Speech sein sollte.

Dieses Muster hielt sich.

Was sich aber vor allem hielt, ist das antirationale Element. Die Hatespeech-Diskussion ist eine rein emotionale, bar jeder Vernunft. Und deswegen auch bar jeder Logik. Beispielhaft sei hier der Artikel „Der Kulturkampf der Gegenwart“ von Anetta Kahane in der Broschüre „Geh sterben“ der Amadeu-Antonio-Stiftung heran gezogen:

Hass ist ein seltsames, sehr heftiges Gefühl und zutiefst menschlich, denn kein anderes Lebewesen ist imstande zu hassen.Sie mögen aggressiv sein, sogar wütend oder voller Angst aber Hass kennen sie nicht. Nur der Mensch vermag auf Erfahrungen mit zum Teil tödlichem Hass auf andere Menschen zu reagieren.

Den Beweis bleibt sie natürlich schuldig; wahrscheinlich hält sie keine Haustiere.

Nur in den seltensten Fällen trifft der Hass die Person, die ihn möglicherweise ausgelöst hat. Das ist eine weitere Spezialität des Menschen, die ihn von Tieren unterscheidet: Er hasst wirr um sich herum und weiß oft nicht, weshalb und wen er aus welchen Gründen damit treffen will.

Daraus folgt freilich, dass das Tier, das angeblich Hass gar nicht kennt, zielgerichtet und aus Gründen hasst.

Dabei zieht er ganze Gruppen von Menschen in den Dreck, diffamiert, beschimpft und bedroht sie. Und weil Hass sich niemals verbraucht, nie aufhört oder von allein verschwindet, macht er immer so weiter, genau wie ein Tier, das zwar keinen Hass kennt, aber seinen Reflexen ausgeliefert ist.

Jetzt wird sie ‚literarisch‘. Der Mensch macht also unaufhörlich genau so weiter, wie das Tier, das zwar keinen Hass kennt (Sinn?), aber seinen Reflexen ausgeliefert sei. Das arme. Problem ist nur, dass Reflexe nunmal nicht dauerhaft, sondern momentan sind. Wenn diese Reflexe das Lebewesen zu einer durch die Zeit durchzuhaltenden Handlung bewegen sollen, tritt ein Zustand ein – und den nennen wir Gefühl. Das ist freilich auch nicht unaufhörlich, es sei denn, man hat eine Depression.

Menschen also, in denen ein tiefer Hass brennt, dessen eigentliche Ursache sie aber nicht verstehen wollen, sind am Ende dieser Kette eher animalisch als human.

Jetzt allerdings wird das Geschwurbel gefährlich. Denn Menschen, denen Kahane den angeblich spezifisch menschlichen Hass zuordnet, werden von ihr zunächst für dumm erklärt und am Ende für tierisch (und wieder merkt sie den Widerspruch nicht).

Die Konsequenz ist natürlich unweigerlich, dass solchen animalischen Menschen auch die Menschenwürde und die Menschenrechte abzusprechen sind. Ein altes Lied: wir halten Menschenrechte und Menschenwürde hoch, aber nur für unsere Sorte Mensch, andere sind es nicht wert.

(2016)

Zum Thema Hass siehe auch Was erlauben sich ZDF?
Insbesondere das Update enthält spaßiges zur Hasserkennungsbroschüre von Frau Anetta Kahane.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: