Herrscher der Welt

Vor paar Jahrzehnten nahm der Botschafter meinen Mann als jungen, noch grünen Diplomaten zwecks Ausbildung mit zu einer deutschen Großbank. In einem Frankfurter Hochhaus natürlich. Hoch oben, etwa im 34. Stock, residierte der – ja, wie soll man ihn nennen? Der König? Der Herrscher? Der Cäsar?

Audienzen gab er in einem riesigen Saal, in dem als Thron sein Schreibtisch stand, mit Blick über die Stadt, urbi et orbi. Nur wenigen gab er eine Audienz. Noch lange nicht jedem armen Schlucker, wie etwa einem Staatchef aus Schwarzafrika oder Bangladesh. Aber mein Mann und sein Botschafter vertraten ein reiches Ölland, da ging das in Ordnung. Obgleich damals schon zu erkennen war, dass der Herrscher dieses Öllandes ein verrückter, kleptokratischer Tyrann war. Das jedoch hatte keinen Einfluss auf die Geschäftsbücher.

Mein Mann war Wirtschaftswissenschaftler und mitgenommen worden war er, um aus eigener Anschauung zu verstehen, wo tatsächlich die Macht saß, wie es sich anfühlt, ihr zu begegnen. Dass sie in den Großbanken sitzt. Denn die haben ein Wirtschaftsvolumen, das das Bruttosozialprodukt der meisten Staaten weit überschreitet. Durch sie wird die Welt eingeteilt in Schuldnerländer und Geberländer und bei den Schuldnerländern wird die Souveränität schlicht und einfach abgeschafft. Die Souveränität eines Staates besteht nur unter Vorbehalt. Ein Beispiel dafür haben wir gerade vor Augen: Griechenland.

Von daher ist die Politik Merkels durchaus im Interesse Deutschlands. Aufgrund seiner Wirtschaftskraft ist Deutschland Geberland, hat also was zu sagen in der Welt. Freilich darf man nicht nach dem Preis fragen. Denn gespart wurde am eigentlichen Souverän, dem  Volk. Vor allem an den Löhnen, die in Deutschland im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten relativ sanken, natürlich an sämtlichen Sozialleistungen und an den Investitionen, die die Bürger am meisten betreffen: den Kommunen. Aber damit hat Deutschland sich einen Platz an der Sonne erkämpft, der, schaut man genau hin, allerdings etwas wackelig ist. Denn der Platz ist abhängig vom Export. Und der wiederum von der Importbereitschaft anderer Staaten.

Das System ist brutal. Ein System, das sich nicht um Menschen schert, sondern einzig um das, was sich in wirtschaftlichen Kennzahlen niederschlägt. Wenn man zum Bewirtschaften nur einen Teil einer Bevölkerung braucht, dann muss der andere eben sehen, wo er bleibt, so, wie der Staat, der diesen Teil dann zu finanzieren hat. Er muss halt zusehen, ob er sich den Luxus leisten kann, seinen Bürgern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Ob unser Staat das noch kann? Na ja, ob das Niveau menschenwürdig ist, mag dahin gestellt bleiben, aber immerhin, so einigermaßen geht’s noch.

Im Gegensatz zu Griechenland. Im Gegensatz zum größten Teil Südeuropas. Im Gegensatz zu – Großbritannien.

Dies ist nicht die Welt, die wir uns vorstellen. Es ist auch nicht die Welt, wie sie das Grundgesetz sich vorstellt. Die Frage ist, wie man das ändern kann. Das ist nicht leicht. Und der einzige, der dies ändern kann, ist der jeweilige Souverän, das Volk. Das sich damit freilich gegen das eigene System stellen muss, die eigene Regierung und ihre eingespielten Auswahlmechanismen, die das Machtspiel der Banken mit spielt. Gegen ein pervertiertes System von heran gezüchteten Berufspolitikern, korrumpiert durch das Wissen um ihre Zugehörigkeit zur Systemelite. Ein System, das stets in gleicher Weise vorgeprägte und erzogene Leute an die Schaltstellen berufen lässt, unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Tatsächlich steuern wir wohl nach dem Abbau des Parlaments als dritte Gewalt nun auf ein Einparteiensystem zu, auch wenn aus Tradition unterschiedliche Namen angeblicher Parteien zumindest noch einige Zeit erhalten bleiben dürften.

Agieren statt reagieren, das ist das Bewusstsein, das eine Politik schaffen muss, die sich für Bürgerrechte im Sinne des Grundgesetzes einsetzen will. Meckern, Motzen, beim Kneipenabend den Stammtisch mit den Fäusten bearbeiten hilft da ebenso wenig wie Demonstrationen gegen ein Häuflein angeblicher oder tatsächlicher Nazis. Das ist weiter nichts als Beschäftigungspolitik. Agieren setzt aber voraus, dass man darin einen Sinn sieht. Man muss erklären können, wo genau die Interessen der Bank nicht die Interessen von Lina Braake sind. Wo man als Bürger wirksam ansetzen kann. Nicht mit dem Moralischen, sondern im eigenen Interesse, welches durchaus auch ein Menschliches ist. Noch lange nicht jeder Bürger ist der Auffassung, dass Geiz geil ist.

Genau das meint Artikel 21 Grundgesetz mit den Worten:

Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

Und selbstverständlich auch, wohin die Reise geht. Nämlich zu Artikel 20 des Grundgesetzes:

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.

Auch Völker haben so ihre Erfahrungen gesammelt, denn sie bestehen aus einem Schwarm einzelner denkender Menschen. Insbesondere die Deutschen haben die Erfahrung, dass Diktaturen keine Alternative sind, gleich, welche Ideologie und welches System sie propagieren. Wenn ein kleines Extremistenhäuflein immer wieder Wolf, Wolf schreit und mit dem Finger auf die anderen Extremisten weist, ob Rechtsextremisten auf Linksextremisten oder Linksextremisten auf Rechtsextremisten, das bleibt sich völlig gleich. Eine Alternative sind sie beide nicht. Und außerdem wird unser demokratisches System von ganz anderer Seite bedroht.

Herrscher der Welt

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