Wenn Netanyahu für Meinungsfreiheit demonstriert …

… dann ist dem, der sich auskennt, klar, dass diese Meinungsfreiheit nicht die  Freiheit umfasst, Israel zu kritisieren, besonders per Karikatur.

FRANCE-ATTACKS-CHARLIE-HEBDO-DEMOMit Irritation wurde von vielen registriert, dass in der ersten Reihe der Demonstranten beim unvergleichlichen gestrigen Trauermarsch in Paris nun ausgerechnet auch Netanyahu zu sehen war, der sich u.a. im Gaza-Krieg nicht gerade als Freund der Pressefreiheit ausgezeichnet hatte. Wer das bestreiten möchte, der möge in dieser kleinen Chronik fündig werden. Schon gestern Abend kam u.a. über Haaretz heraus, dass Netanyahu sich selbst eingeladen hatte, aus wahltaktischen Gründen den rechtsradikalen Lieberman und Bennett folgend. Dagegen konnte Frankreichs Hollande nichts machen, ohne gröblichst unhöflich zu werden, denn seiner Bitte, den Palästina-Konflikt, der ja nicht unerheblich zur Militanz der Islamisten beigetragen hat, durch Abwesenheit der ‚Kriegsparteien‘ aus dem Trauermarsch heraus zu lassen, war Netanyahu nicht nachgekommen. Also lud Hollande auch Abbas zur Demonstration ein, um den Eindruck der Einseitigkeit zu vermeiden, und verließ die Synagoge vorzeitig, nämlich, als Netanyahu die dort versammelten Juden aufforderte, doch Frankreich zu verlassen und nach Israel auszuwandern – Hollande hatte genau das Gegenteil verkündet, nämlich, dass Frankreichs Juden selbstverständlich auch zu Frankreich gehören und von ihm ebenso geschützt und verteidigt werden, wie jeder andere Bürger auch.

Netanyahu Cartoon

Umstrittene Karikatur in der Sunday Times

Dass Israel sich einen feuchten Kehricht um die Meinungsfreiheit schert, sofern man sich die Freiheit nimmt, Israel zu kritisieren, wurde ja hier schon dargelegt. Von daher kann man die erzwungene Teilnahme israelischer Regierungsmitglieder an dieser Demonstration nur dreist nennen. So beschwerte sich Israel 2013 hoch offiziell, nämlich über seinen Botschafter in London, über die ehrwürdige Sunday Times wegen einer angeblich antisemitischen Karikatur. Wieder einmal wurde die „rote Linie“ beansprucht, die überschritten worden sei – und selbstverständlich wiederum unter Beteiligung von Israels Pitbull, dem Simon-Wiesenthal-Zentrum, und der vielleicht bedeutendsten Israel-Lobby-Organisation, der ADL. Es folgt eben immer dem gleichen Schema. Die Israel Times berichtete darüber, auch, dass die Sunday Times hier gar keinen Antisemitismus erkennen könne, denn die Karikatur kritisiere einzig Netanyahu, noch nicht mal Israel und mit dem Judentum habe sie nun überhaupt nichts zu tun.

Sa'aneh

„Die Welt und die Flüchtlinge“ Karikatur von Saba’aneh, Januar 2015

Mit solchen Protesten gibt man sich im Falle palästinensischer Karikaturisten in Israel gar nicht erst ab. So verbrachte der palästinensische Karikaturist Mohammad Saba’aneh letztes Jahr fünf Monate in Israels Gefängnis. Dabei ist er weder Israeli, noch war er in Israel; er wurde schlicht und einfach beim Grenzübertritt von Jordanien nach Palästina festgenommen – von israelischen Kontrollen. Müßig zu fragen, was israelische Grenzer an der Grenze zwischen Jordanien und Palästina zu suchen haben.
Nachdem sie allerdings nichts Brauchbares bei ihm fanden, wurde er der Kontakte zu Hammas beschuldigt. Die ihn freilich nicht sonderlich schätzt, weil er auch über sie seine Witze gemacht hatte. Nichts desto trotz, Hammas geht bei Israel ja immer und Saba’aneh hat einen Bruder. Der ist bei der Hammas. Der hat ein Buch heraus gegeben und die Illustrationen dazu hatte Mohammad Saba’aneh beigesteuert. Familiäre Bande reichen in Israel offenbar für Knast.

header4Aber es gibt auch die härtere Version. Schon 1987 wurde der palästinensische Karikaturist Nadschi al-Ali (hier der entsprechende Wikipedia-Artikel) in London ermordet, mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Mossad, woraufhin die damalige Premierministerin Margaret Thatcher verärgert das Londoner Mossad-Büro schließen ließ.

Al-Ali ist Schöpfer des beliebten palästinensischen Flüchtlingsjungen Handala, den die palästinensische BDS-Bewegung zu ihrem Symbol genommen hat.

 

Update 15.01.2015

Israels Regierungspropaganda macht langsam einen hysterischen Eindruck. Gestern publizierte der britische Guardian einen Artikel über Israels Protest gegen einen Tweet des britischen Parlamentariers David Ward, der während des Pariser Trauermarschs tweetete: „#Netanyahu beim Pariser Marsch – wie??? Mir wird schlecht“ und „Je suis #Palestinian“. Eingeschaltet wurde sogar der Israelische Botschafter, der meinte, dieser Tweet würde Israel delegitimisieren und den Terror unterstützen (merke: wer Netanyahu angreift, ist auch Antisemit, denn Netanyahu ist Israel und Israel ist das Judentum).

Advertisements

2 Kommentare

  1. Zunächst möchte ich mich bedanken, dass ich in Ihrem Blog als Gast kommentieren darf, obwohl ich häufig anderer Meinung bin.

    Erstens: In Israel gibt es tatsächlich Meinungsfreiheit, auch Sie wissen das sehr gut. Viele, in der Regel linke und Säkulare Israelis sind antizionistisch und der gehören der Palästinenserlobby an. Sogar Lohnempfänger vom Staat, zB Professoren und Lehrer.
    Zweitens: Der Terroranschlag in Paris hat nichts mit Israel zu tun. Er war gegen Meinungs- und Gedankenfreiheit und gegen Juden gerichtet.

    • Natürlich hatte der Terroranschlag in Paris mit Israel zu tun. All diese Auseinandersetzungen haben mit dem Palästina-Konflikt zu tun, von dem sich alle Islamisten ideologisch ernähren. Sie haben selbstverständlich auch mit den USA zu tun, mit dem Teil, der sich, wie G.W. Bush, den Evangelikalen und Armageddon-Wünschen hingegeben hat und das insbesondere auch über die messianischen Juden. Dass da eine enge Verbindung zu rechtsradikalen Zionisten besteht, kann niemand ernsthaft bestreiten. Was nicht heißt, dass diese Verbindung im Sinne frommer Juden ist.
      Ich vermute, dass dies, zumindest intuitiv, bei der Entscheidung vieler gläubiger Juden, sich auf die Seite des Antizionismus zu schlagen, mit wirkt.
      Es ist für schlichte Denker ohne fundierte Hintergrundinformationen, und zu diesen gehört die Mehrheit der Menschheit, nun einmal nahe liegend, dass dem Islam der Krieg erklärt worden sei und sie um das Überleben ihrer Gemeinschaft, ihrer Religion, ihrer Kultur und Zivilisation kämpfen müssten. Und da liegt nun mal Israel im Zentrum des Konflikts, verschärft auch noch wegen seines Umganges mit el-Aqsa.

      Es gibt in und um Israel keine Meinungsfreiheit.
      Der von Israel hierbei angewandte Maßstab ist von Grund auf falsch.
      Es ist der puritanische, der Oliver Cromwells. Die Puritaner waren sehr demokratisch – aber nur unter ihresgleichen,. Weil ihrer Ansicht nach nur Puritaner fähig seien, vernünftig zu entscheiden. Alle Nicht-Puritaner waren also aus der Demokratie ausgeschlossen.
      Bekanntlich haben die Briten mit den Puritanern selber aufgeräumt und sie nach Amerika geschickt, wo sie weiter wirkten.
      Ob es in Israel Meinungsfreiheit gibt, entscheidet sich nicht an der Meinungsfreiheit der israelischen Juden, sondern an der der Palästinenser. Und was deren Meinung betrifft, ist es mit der Meinungsfreiheit sehr schlecht bestellt, auch im Ausland wird sich beständig bemüht, sie zu unterdrücken. Beispielhaft das absurde Bemühen der darin schon berüchtigten israelischen Botschaft in Dublin, für BDS werbende Aufkleber verbieten zu lassen mit der Begründung, die seien gelb – und gelb sei antisemitisch.
      Zeigt aber, wie sehr die Argumentation inzwischen ins Lächerliche abdriftet, auch bei der kritisierten Karikatur der Sunday Times.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: