Weinen um Gaddafi

Gaddafis Hut 1Die libysche Katastrophe“ titelte der Berliner Kommunikationswissenschaftler und Journalist Malte Daniljuk auf Telepolis /  Heise. Ein langer Beitrag, der die jedem Libyer sattsam bekannten alten Propagandalügen der Gaddafi-Mafia und ihrer Unterstützter wiederholt. Das fängt schon damit an, dass „das kleine nordafrikanische Land“ fast fünf Mal so groß ist wie Deutschland und immerhin noch größer als Ägypten. Was bei einer Bevölkerungsdichte von ca. 6 Millionen, ein gewichtiger Anteil davon Kinder, so gewisse Schwierigkeiten bei der Grenzsicherung hinreichend erklären sollte. Und seiner Behauptung, „Kriminalität existierte praktisch gar nicht“ widerspricht leider der Tatsache, dass die Entlassung und Bewaffnung einer Menge Krimineller mit dem Auftrag, für Gaddafi zu kämpfen, auch filmisch ausreichend dokumentiert ist.

Dieser Beitrag schrie nach einer Antwort, die ich nun auch hier veröffentliche.

 

Wenn man keine Ahnung hat …

… soll man einfach mal die Fresse halten, meinte Dieter Nuhr. Bei diesem Artikel fällt mir dieser Satz wieder ein.

Ich habe eine libysche Familie, die übrigens seit vier Monaten wegen des Krieges in Tunesien sitzt, eine alt eingesessene, Urgestein mit umfangreichem Landbesitz seit unvordenklichen Zeiten. Mein Mann war ein ranghoher Diplomat, der gemeinsam mit Bruno Kreisky den Besuch der frisch gebackenen deutschen Grünen-Parlamentarier bei Gaddafi organisierte. Das hatte einen Grund: Gaddafi wollte unbedingt mit den USA Krieg führen. Die naiven Grünen wurden missbraucht, ja. Aber hier heiligte der Zweck die Mittel: Gaddafi von seinem kriegerischen Vorhaben abzubringen. Was gelang.

Das ist ca. 30 Jahre her. Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Gaddafi von kriegerischen Absichten abgebracht werden musste. Manchmal gelang es. Manchmal nicht. Er war wahnsinnig. Das wusste vor allem jeder, der ihn persönlich kannte. Mein Mann kannte ihn persönlich. Und auf meine Frage „und warum stürzt ihr ihn nicht einfach?“ kam die Antwort: „Nein, das gäbe ein furchtbares Blutbad.“

Für mich war es völlig normal, dass hochkarätige libysche Diplomaten all ihre Künste nutzten, um eine no-fly-zone bei der UNO durchzusetzen. Sie erkannten schnell, dies war ein echter Volksaufstand, der nicht mit vergleichsweise wenigen Verlusten einzudämmen wäre. Und es war kein auf Benghazi begrenzter: die Alarmglocken schrillten, als er auf Tripolis übergegriffen hatte. Während des ganzen Krieges und, wie man sieht,auch heute noch äußern Nicht-Libyer den Wunsch, Ost- und Westlibyen doch bitte zu trennen. Wobei natürlich der den Raibach macht, der die Ölquellen im Osten kriegt. Nein. Libyen hat eine außerordentlich hohe nationale Integrität, immer gehabt, schon damals, als Großbritannnien es mit der Unabhängigkeit teilen wollte und eine Volksabstimmung unter UNO-Aufsicht sich dagegen aussprach.

Libyen war kein Sozialstaat. Das ganze Soziale war weiter nichts als potemkin’sche Fassade. Weder Schulen noch Krankenhäuser taugten was. Auch dafür muss Libyen jetzt bezahlen, denn nicht jeder konnte es sich leisten oder hatte Sinn dafür, die Ausbildung seiner Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Die, deren Eltern das nicht konnten, können nun nicht von der schönen faulen Ballerzeit bei der Miliz lassen.

Erinnert sich noch jemand an die Affäre um die palästinensischen Ärzte und bulgarischen Krankenschwestern, die angeblich 400 libysche Kleinkinder ermordet hatten, während tatsächlich nicht beherrschbare Hygienemängel ursächlich waren? Erinnert sich noch jemand daran, dass die erste Tat der Bürger befreiter Städte war, die Statuten von Gaddafis Grünem Buch zu stürzen? Will man die alle für dumm verkaufen? Auch die Linke hat ihr alt hergebrachtes kolonialistisches Denken, manchmal schlimmer als die Konservativen. Satt, warm und trocken, das soll den Menschen aus anderen Kulturkreisen angeblich reichen. Den kämpfenden Libyern aber ging es außer um Freiheit, Mitbestimmung Abstellen der ungeheueren Verschwendung von Volksvermögen durch die Familie Gaddafi noch um etwas anderes: Würde. Sich nicht mehr schämen zu müssen, nach seinem Herkunftsland gefragt zu werden. „Libyen? Huh, Gaddafi!“

Die Libyer sind der Nato und insbesondere Frankreich immer noch dankbar für die no-fly-zone. Ich werde nie die Tage vor ihrem Beschluss vergessen, als jedes Wort, das aus Libyen drang, und es drang vieles durch, denn jeder hatte Kontakt zu seinen Angehörigen in Libyen, bezeugte, dass die Bürger von Benghazi und die Libyer überhaupt mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. „Wir werden alle sterben. Allahu akbar.“ Die jauchzende Erlösung, als die französischen Flugzeuge gerade noch im letzten Moment den Vormarsch von Gaddafis Elitetruppen stoppten und Benghazis Bürger die Flaggen der beteiligten Staaten auf ihre Häuserdächer malten und „Thank you, Nato!“ darauf schrieben.

Also: was geschah, geschah mit dem Willen der überwiegenden Mehrheit der Libyer, und zwar überall: im Osten, im Westen, in der Wüste im Süden und natürlich bei den Amazigh, den unterdrückten Berbern. Und ich ersuche die versteckten Kolonialisten, keine Legenden zu bilden, weil das, was auch in Libyen statt findet, ohne entscheidenen Einfluss der Großmächte passiert.

Schon seit dem Frühsommer war klar, dass insbesondere Katar massive hegemoniale Interessen hatte, gegen die sich die bürgerliche Revolution von Anfang an wehrte. Was zu Verzögerungen bei der Ausbildung der neuen nationalen Armee führte. Die nämlich wollte Katar übernehmen, doch Libyen stimmte nicht zu. Mehr als drei Monate Grundausbildung wurden nicht akzeptiert, den Rest wollte man lieber andere, Frankreich, Großbritannien, USA machen lassen. Tatsächlich erwies sich das Nichtvorhandensein einer nationalen Armee als das schlimmste Handicap der jungen Demokratie. Denn nicht nur Gaddafis freigelassene Kriminelle und trinkfeste Jugendbanden, ausgestattet mit schweren Kriegswaffen, machen Libyen unsicher, weswegen ausnahmsweise auch die dingfest zu machen Sache der Armee wäre, sondern auch diverse Kräfte in hegemonialer Absicht. Hier vergesse man nicht Libyens Ölreichtum. Attraktiv für viele in der Region.

Derna, derzeit von IS beherrscht, noch, Angriff ist bereits geplant, neigte immer zu islamistischen Spezialitäten. Dennoch sind unter aller Vorsicht auch aus Derna Nachrichten gelangt, wonach die Herrschaft der mit IS verbündeten Ansar Sharia recht grauenvoll sein muss. Die nationale Integrität ist hoch. Man wird Derna nicht im Stich lassen. Aber Derna ist auch stark von Ägypten beeinflusst. Das hat 14 x so viele Einwohner, wie Libyen. Heißt, wenn jeder 14. Ägypter Salafist sein sollte, dann sind das so viele wie die gesamte libysche Bevölkerung. Hinzu kommen Sudanesen, die mit zu den berüchtigsten Islamisten gehören und auch von etlichen anderen Nationen wurden schon Pässe sicher gestellt. Nun gut, jedenfalls ist der größte Teil Benghazis von der nationalen Armee befreit worden. Und das ist kein Gerücht. Die glücklichen Bürger haben nicht nur Berichte, sondern auch Fotos mit geschickt.

Salafisten sind unter saudischem Einfluss. Doch der Westen mit Tripolis ist unter der Fuchtel Misratas. Da hockt die Moslembruderschaft, der rabiate Zweig. Eine Lehre, die man auch aus Syrien ziehen kann: wer auf brutalstmögliche Weise kriegerisch angegangen wurde, wie Misrata von Gaddafis Söhnen, ist in der Gefahr, dadurch zum Psychopathen gemacht zu werden. Für Misratas Wut nach den ihm zugefügten Leiden hatte man gewisses Verständnis, sogar, als sie sich gegen die gesamte Bevölkerung der Nachbarstadt Tawerga wandte. Aber Misrata hat Tripolis übernommen und dafür haben die Tripolitanier nichts übrig. Auch nicht meine in der Umgebung ansässige Familie.

Bleibt zu erwähnen, Moslembruderschaft ist Katar. Dass die den Kopf eingezogen haben heißt nicht, dass die nicht mehr wirken.

Gaddafis Hut 2Ich denke, der Westen – der Osten sowieso – hat noch etwas Schwierigkeiten sich daran zu gewöhnen, dass gebildete, charakterfeste, intelligente Menschen in anderen Kulturkreisen entschlossen sind, ihr Schicksal selbst zu bestimmen und sich nicht von anderen Nationen sagen zu lassen, was sie zu tun und zu lassen haben. Ich habe so einen gewissen Verdacht, dass Teile des Westbündnisses unter Führung der USA und natürlich unter Beteiligung des derzeit stark provinziell geprägten Deutschland, sagen wir mal, mit dem Gedanken liebäugeln, Nah-/Mittelost von Katar oder Saudi Arabien ordnen zu lassen. So’ne Art Kalifat von US-Gnaden.

Nein.

Damit sind die Bürger nicht einverstanden.

Nicht in Libyen, nicht in Tunesien, nicht in Ägypten (man muss deswegen nicht für Sisi sein), nicht in Mali und auch nicht in Kurdistan. Und nicht in anderen Gebieten der Region. Wovon auch unsere Flüchtlinge gewiss ein Lied singen können, wenn man sie fragt.

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