Links und Rechts: wie unterscheiden?

Jeder will links sein.
Links ist modern, ist fortschrittlich, ist cool, ist gut.
Folglich nennt sich auch jeder links. Selbst ausgewachsene Neonazis von der autonomen Truppe, mit denen ich mich hier schon befasst habe, nennen sich linke Nationalsozialisten. Die Verwirrung ist groß und es ist wohl dringend geboten, Klarheit in den Unterschied zwischen Links und Rechts zu bringen.
Im Folgenden stelle ich einige Indikatoren vor, durch die es in den meisten Fällen möglich sein sollte, Links und Rechts voneinander zu unterscheiden.

 

Indikator Ideologie

Bis gegen  Ende des letzten Jahrhundert war es kein Problem, zwischen Links und Rechts zu unterscheiden: Nazis waren rechts, Marxisten links. Ich möchte hieran anknüpfen, da, wo sich alle vernünftigen Leute einig sind: Marx ist links und daran ändert sich auch nichts, wenn moderne Nazis hier und da mal bei ihm klauen gehen. Von Eklektizismus und Missbrauch bleibt grundsätzlich kein großer Denker verschont.

Große Denker haben einen Grundgedanken, auf dem ihr ganzes Werk aufbaut und an dem man das Original zielsicher von allem Missbrauch unterscheiden kann.  Bei Marx gipfelt er in dem Satz: „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“ (Kritik der politischen Ökonomie zitiert nach und mit Verweis auf diese sehr brauchbare Sammlung zum Thema Bewusstsein bei Marx).

Noch klarer erläutert wird dies in folgendem Zitat (Deutsche Ideologie, ebenda): „Ganz im Gegensatz zur deutschen Philosophie, welche vom Himmel auf die Erde herabsteigt, wird in der Wissenschaft von der Erde zum Himmel gestiegen. D. h., es wird nicht ausgegangen von dem, was die Menschen sagen, sich einbilden, sich vorstellen, … ; es wird von den wirklich tätigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensprozess auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt. … Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.“

Wenn Marx sagt, die deutsche Philosophie steige vom Himmel auf die Erde, so ist damit Platons Richtung gemeint, dem das christliche Abendland und insbesondere der deutsche Idealismus folgte. Denn das eigentliche Sein, die eigentliche Wirklichkeit, das waren für Platon die Ideen, Ideale, Werte, denen die ganze materielle Welt nachstrebte und nachzustreben hatte. Eben Idealismus. Das muss man ein für alle Mal begriffen haben: ob ich ihren Ursprung wie zu alten christlichen Zeiten dem lieben Gott  zuschreibe, meinem eigenen Genie oder dem eines Denkers oder Führers oder der Vorsehung der Natur (wir merken schon, worauf das hinaus läuft), immer werden dem Handeln Ideen voraus gestellt, absolute Werte, denen dieses Handeln zu folgen hat. Und das ganze theoretische System dieser Ideen (es gibt natürlich eine Vielzahl solcher Systeme) nennt man Ideologie.

Marx war Anti-Ideologe, auch wenn sämliche Altkommunisten bis hin zu modernen K-Gruppen das nie verkraften konnten und von Anfang an ihre bürgerlichen Ideale in den Marxismus hinein trugen und ihn so verfälschten.  Träger des ideologischen Überbaus, die Interpreten des gesellschaftlichen Seins, die aus dieser Interpretation gleichzeitig Forderungen ziehen, wie das Sein sein soll. Da diese Ideologen fast ausnahmslos aus der bürgerlichen Gesellschaft stammten und stammen, ihr Bewusstsein also von diesem Sein geprägt ist, entspricht natürlich auch das von ihnen vorgestellte Sollen ihren bürgerlichen Werten.

Der dialektische Materialismus, so heißt Marx‘ philosophische Methode, ist die Grundlage des gesamten Marxismus. Verstanden wurde sie kaum. Das einzige, was der gewöhnliche Vulgärmaterialist darunter versteht ist, dass es nunmehr eine neue Religion gebe, zu der jedermann  zu missionieren sei, nämlich den Atheismus. Darüber brauchen wir uns nicht weiter zu unterhalten. Dass jedoch dieser Weg so wenig verstanden wurde, zeigt, wie tief verwurzelt das idealistische Denken in der europäischen und insbesondere deutschen Kultur ist. Müßig, hier aussortieren zu wollen, welcher Glaube woher kömmt: Christentum ist Platon und Platon ist Christentum. An dieser Stelle empfiehlt sich sehr Nietzsches Kritik. Er spricht nicht nur von einer zukünftigen Umwertung aller Werte, die er fordert, sondern auch von einer vergangenen, nämlich der durch das Christentum vorgenommenen. Dieses Christentum aber ist die Mutter allen ideologischen Denkens im Abendland, denn seit es mit Konstantin zur die Nation konstituierenden Staatsreligion wurde,  ist sein Alleinvertretungsanspruch in der europäischen Kultur ebenso tief eingewachsen, wie sein Missionsdrang und seine Neigung, Ketzer zu verfolgen. Ob nationalsozialistische oder stalin’sche Gesinnungsjustiz, beide blicken zurück auf diese alt-ehrwürdige Wurzel.Wie ihr christliches Vorbild schreiben Ideologien einen Wertekanon vor, den sie als allein verbindlich behaupten; wer ihn kritisiert oder gar ihm nicht folgt, ist böse, befindet sich auf Satans Weg der bürgerlichen Arbeiterverräter oder entarteten Volksgenossen, wie weiland in mittelalterlichen Zeiten der Ketzer.  Ideologien sind also nicht die Spur fortschrittlich und/oder links, sondern streng genommen reaktionär. Das sah auch Marx so, denn hellsichtig warnte er vor seinen missratenen Epigonen: bürgerliche Intellektuelle würden sich gern an die Spitze revolutionärer Bewegungen stellen; hätten sie es so aber an die Macht geschafft, würden sie sich als die schlimmsten Reaktionäre erweisen.
Im Gegensatz zum Bourgeois habe der Arbeiter keine Ideologie und genau das sei sein Vorteil.

Auch wenn sie alles andere als ideologiefrei zu nennen sind, so gebührt doch den ehemaligen Ostblockstaaten der Verdienst, das Ideologieunwesen stets im Zaum gehalten zu haben. Dialektischer Materialismus, genannt Diamat, wurde immerhin gelehrt und allzu üble ideologische Auswüchse gekappt. Die dafür in Deutschlands  Westen, insbesondere unter den „Unorthodoxen“, die allerschönsten Sumpfblüten trieben. Was dann in den Osten überschwappte und dort den richtigen Humus erhielt, auf dem nicht nur die braunen, sondern auch frömmelnd-moralisiserend rote Ideologien prächtig gediehen – hier sollte man strafverschärfend auch noch das dort einst verbreitete und prägende preussisch-protestantischen Eiferertum einrechnen.

Halten wir fest:
Auch, wenn die Linke nie ideologiefrei war, so lässt sich doch am vorgelegten Wertekanon erkennen, ob man Linke oder Rechte vor sich hat. Wer mit einer für alle verbindlichen Moral ankommt und von ihr aus zwischen Gut und Böse unterscheidet und auch noch zur Hatz auf das angeblich Böse aufruft, ist nicht links.
Tatsächlich ist er ein religiöser Sektierer. Gleich ihm beschränkt er sich in aller Regel auch auf das Formalgute bzw. Formalböse, vor allem den Gebrauch bestimmter verbotener Wörter und Ausdrücke, ohne die im Kontext vermittelten Inhalte kritisch  zu hinterfragen.
Müßig zu sagen, dass Rechtsextremisten IMMER Ideologen sind.

 

Indikator national und international

Bei diesem Indikator ist die Verwirrung nahezu perfekt. Denn: international ist traditionell links. International ist aber auch die Globalisierung und die ist, zumindest, wenn wir im Bereich Wirtschaft Finanzmärkte, Sicherung von Rohstoffen und Transportwegen mit militärischen Mitteln ungeachtet der Frage, ob die einheimische Bevölkerung damit auch einverstanden ist und auch im Bereich Machtausübung internationaler Konzerne, wahrhaftig nicht als links zu bezeichnen.
Hingegen hat die Linke stets antiimperialistische und antikolonialistische Befreiungsbewegungen unterstützt; die aber sind stets national.
Grund also für Begriffsklärungen.

International ist in diesem Zusammenhang nicht geografisch zu verstehen. Ansonsten wäre nämlich das ehemalige britische Weltreich mit seinen Eroberungen und Kolonialisierungen, der Missachtung der autochtonen Bevölkerung und diversen Kolonialkriegen bis hin zum Befreiungskrieg der werdenden USA ein linkes Regime gewesen und das ist nun wirklich absurd. Denn worum es tatsächlich geht, ist die Herrschaft eines Volkes über das andere, ist beanspruchte Supremacy.

Das bürgerliche Individuum des Westens krallt sich an einem Thron fest, der aus christlich-abendländischen Ideen gebaut ist: der Seelenlehre. Die Seele als Wesen eines jeden individuellen Menschen sei nämlich von Gott erschaffen und das einzige, was sie an Entwicklungsmöglichkeiten habe, sei im Wesentlichen, sich zwischen Gut und Böse, Glaube und Nichtglaube zu entscheiden, ansonsten sei sie fertig und die Person so, wie sie ist, von vorn herein angelegt.
Doch das ist nicht der Fall.
Man mache sich das am Beispiel der Sprache klar, mit der wir nicht geboren sind. Denn die Sprache gibt uns Begriffe vor und Prioritäten, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen und führt uns durch ihre Grammatik ganz automatisch und unmerklich auf den Weg, wie wir denken. Was aber gehört mehr zum Menschen, als die Art und Weise, wie er denkt? Doch genau das ist ihm nicht angeboren. Das hat er gelernt, von der sozialen Umgebung, in die er hinein geboren und aufgewachsen ist. Allein aus dem Grunde schon ist der Grundsatz, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, gar nicht vernünftig zu bezweifeln.

Was von der sozialen Umgebung in dieser Sprache beschrieben wird, ist nichts anderes, als das praktische Leben dieser individuellen Menschen in ihrer jeweiligen materiellen und sozialen Umgebung. Davon sind sie geprägt, daraus bildet sich ihr Weltbild und in das werden alle zukünftigen Erkenntnisse eingeordnet und von ihm aus interpretiert. Nur, wer sich diese Prägungen bewusst macht, hat überhaupt die Chance, irgend etwas daran zu ändern. Bewusst machen kann man sich das nur im Gegensatz zu den Prägungen und Weltbildern anderer, die man freilich erst mal kennen lernen muss und zwar ohne voraus zu setzen, dass es andere Weltbilder als das eigene gar nicht gibt und alle Menschen genau so denken, wie man selbst – es sei denn, sie sind Bösewichter. Links ist also sehr früh und sehr tief mit international verknüpft, freilich nicht mit jenem provinziellen Pseudo-Internationalismus, der nichts anderes will, als die eigene europäische Glaubenslehre über die ganze Welt zu verbreiten, ähnlich jenen US-Ideologen aus der Frühzeit des Globalisierungs-Hypes, die schon mal das Ende der Geschichte mit der Verbreitung US-amerikanischen Denkens und Kultur über die ganze Welt ausriefen. So was ist nicht links, so was ist rechts. Was es damit als Abwehr schuf, ist der militante Islamismus ebenso wie Dugins faschistischen Eurasianismus. Das ist normal. Wer in nationalistischer Weise die ganze Welt mit seinem Wesen  beglücken will, provoziert mit zwingender Logik nationalistische Gegenbewegungen, denn anderen ist ihre Kultur genau so viel wert, wie dem Missionar die seine.

Menschen anderer Breitengrade und anderer Kulturen, anderer Geschichte haben ein anderes Weltbild als wir. Sie haben andere Erfahrungen und setzen andere Prioritäten. Das ist als Tatsache anzuerkennen. Und anerkennen heißt: als etwas anerkennen, das von Natur aus, vom Sein her, anders ist, zwingend anders ist. Es lebt überall die gleiche Art Mensch mit den gleichen spezifisch menschlichen Eigenschaften und Eigenarten. Doch lebt diese gleiche Art Mensch in je anderer Umgebung, die prägt. Die wesentliche Schlussfolgerung daraus ist: es gibt kein besser und schlechter. Die Häuser mit den spitzen Dächern gehören zu uns und zu unserer Kultur, sie prägen unser Gefühl von Wärme, Heimeligkeit und Geborgenheit. Am Mittelmeer haben die Häuser flache Dächer und schattige Innenhöfe, und statt mit Vorgärten und hellen Fenstern den Besucher hinein in die warme Geborgenheit zu locken, schließen sie sich dort, die erfrischende Kühle bewahrend, von der Welt ab. Das ist keine Frage des Wertens und Wollens; es ist jeweils einfach besser, dort so zu leben.

Mit diesem Hintergrund sollte der Indikator national-international  klar sein, wenn wir den allseits als rechts oder gar rechtsextrem bekannten Chauvinismus dagegen stellen. Da nämlich wird ideologisch gewertet. Ungeachtet der unterschiedlichen Bedingungen und Traditionen trachtet eine Kultur, eine Denkweise danach, sich über andere zu erheben.  Wieder finden wir hier den idealistischen Weg vom Himmel auf die Erde – und als der Himmel wird immer die je eigene Denkweise gesehen. Noch extremer wird die Sache dann, wenn die andere Sichtweise einer angeblich anderen Biologie zugeordnet wird, wenn sie also in Rassismus sinkt. Wobei meist nicht bedacht wird, dass ein solcher Rassismus logisch zwingend Konsequenzen für den hat, der ihm anhängt. Denn der Mensch lässt sich nicht verstehen, wenn man einen Teil, der wesentlich zum Menschsein hinzu gehört, ausgliedert, wie es die Rassisten tun. Was immer ich der Art Mensch zuschreibe oder abschreibe,  betrifft auch mich, denn ich gehöre zu dieser Art.

Halten wir fest:
Links sein heißt international sein. Entscheidend ist hier, die Bedeutung von „international“ zu erfassen und sie gegen versteckten Nationalismus abzugrenzen. Linker Internationalismus heißt immer, die Verschiedenheit zu achten und anzuerkennen, die Nationen, Staaten und ihre Grenzen zu respektieren, ihren Willen und ihr Recht, über ihre Zukunft, ihr Schicksal selber zu bestimmen.
Die Verschiedenheit zu missachten, Grenzen abschaffen zu wollen mit dem Anspruch, seine eigene Sichtweise auf der Erde ungehindert zu verbreiten, womöglich auch noch unter Enteignung von Bodenschätzen und anderen Werten einer Nation, weil man selbst damit angeblich viel besseres anfangen kann, ist nicht links, sondern rechts. Es ist der Versuch, den Kolonialismus mit anderen Mitteln wieder zu errichten. Dies dann auch noch mit Supremacy, dem Glauben an die eigene Überlegenheit zu verbinden, gleich, ob man sie kulturell, religiös oder gar genetisch begründen mag, ist rechtsradikal.

 

Indikator progessiv ./. reaktionär

Auch hier gilt wieder: während klar ist, dass Links progressiv und Rechts reaktionär ist, so kommt es dann zum Schwure, wenn wir überlegen, was denn diese Begriffe bedeuten. Denn auch progressiv nennt sich jeder, Neonazis eingeschlossen. Der reine Gebrauch des einen oder anderen Wortes ist kein Entscheidungskriterium, man muss schon nach dem Kontext schauen.

Wieder zeigt sich Marx als weit vernünftiger, als seine missratenen Epigonen. Denn zum Fortschritt kam es nach Marx von ganz alleine. Der wird angetrieben und entwickelt sich durch die antagonistischen Klassengegensätze. Die sind da und haben ihre eigene Dynamik.
Progressiv ist derjenige, der mit Hilfe der Methoden des dialektischen und historischen Materialismus den gegenwärtigen Zustand analysiert und den in ihm steckenden Keim einer neuen Entwicklung entdeckt und vorwärts treibt.

Man kann aber auch das genaue Gegenteil tun: sich wiederum an den Idealismus hängen – wir sehen, Idealismus und Ideologie begegnen uns immer wieder – und einen idealisierten vergangenen Zustand, sozusagen frisch gestrichen, neu zu errichten trachten. Das nennt man reaktionär. Freilich sind die Seinsbedingungen, die den alten Zustand trugen, nicht mehr da und können ebenso wenig wieder errichtet werden, wie die Zeit zurück gedreht werden kann. Der alte Zustand wurde ja bereits überwunden und alles Bemühen, etwas wieder zu errichten, für das die Bedingungen nicht mehr gegeben sind, endet zwangsläufig in Lächerlichkeit oder Gewalt.
Hier ist übrigens reaktionär von konservativ abzugrenzen: während der Konservative das Bestehende zu bewahren trachtet und sich gegen jede Veränderung wehrt, will der Reaktionär längst Verändertes wieder zurück schaffen.

Lächerlichkeit und Gewalt liegen meist sehr nahe beieinander. Nordkorea ist hierfür ein Beispiel. Das ist längst keine linke Diktatur mehr, sondern eine absolutistische Monarchie, verbunden sogar mit dem Gottkönigtum. Eine solch reaktionäre Diktatur ist überhaupt nur aufrecht zu erhalten, wenn man das Land rigoros  von allen anderen abisoliert und mit harter Faust jeden, der Fragen stellt, aus dem Verkehr zieht.

Auf andere Art reaktionär ist der rechte bis rechtsradikale Zionismus. War noch in der bereits  höchst problematischen Balfour-Erklärung von einer „Heimstatt“ für die Juden die Rede, gerechtfertigt als potentieller Zufluchtsort durch die zunehmend um sich greifende moderne Judenfeindlichkeit und gleichzeitig damit, dass man im Jerusalem der Muslime und Christen wohl auch ein bisschen Platz für die älteste der drei abrahamitischen Religionen schaffen müsse, so wurde die daraus folgende ursprünglich gar nicht vorgesehene Staatsgründung mit zunehmendem zeitlichem Abstand zum Holocaust immer problematischer. Denn zum Einen waren noch lange nicht alle Israelis Juden, zum Anderen noch lange nicht alle Juden Israelis; die meisten dürften an einer israelischen Staatsbürgerschaft gar kein Interesse haben. Dessen ungeachtet verkünden die rechten Zionisten, die Juden seien ein Volk und Israel ihr Staat. Und das ist nun allerdings reaktionär. Denn zwar haben alle abrahamitischen Religionen ihre Anhänger als ein Volk oder eine Nation gesehen, nur ist das 1.000 Jahre her. Um so viel also kommen die Zionisten damit zu spät.

In Sachen Reaktion ist ihre schärfste Konkurrenz die Islamisten, ob sie nun Salafisten sind, den Kalifatsstaat propagieren oder die reine arabische Lehre aus ggf. sogar vorislamischer Zeit. Die nämlich kommen damit nicht 1.000, sondern 1.400 Jahre zu spät.

Wie reaktionäre Bewegungen sich entwickeln, bleibt jeweils abzuwarten. Auf jeden Fall erscheinen die ihnen innewohnenden Widersprüche zwischen der Fiktion der Wiederkehr eines goldenen Zeitalters und der Wirklichkeit unüberwindlich.

Die gefährlichste Kraft entwickelt die Reaktion aber im Bereich der Wirtschaft. Wie das?

Nun, der gerade in der Zeit von Hartz IV auf den Arbeitnehmern lastende freiheitsentziehende Druck (in der Weltwirtschaftskrise des frühen letzten Jahrhunderts waren es Arbeitslosigkeit und Inflation) macht gleich zwei reaktionäre Vorstellungen verführerisch: die Erinnerung an die Rundumversorgung aus der Kindheit, ohne dafür selbst Verantwortung übernehmen zu müssen, und die in weiten Teilen Deutschlands, vor allem natürlich Ostelbien,  erhaltene vergoldete Erinnerung an den Feudalismus, der auch den Vorteil der Rundumversorgung hatte, wenn auch nur sehr mager und um den Preis von Freiheit und Menschenwürde; dafür aber ebenso unter Verlust der ‚doofen‘ Eigenverantwortung. Nationalsozialismus, eine reaktionäre Wirtschaftsform, gibt darauf die Antwort: die großen Konzerne und ihre – damals noch – Eigner sind da die guten Feudalherren, die in eigener Machtvollkommenheit entscheiden, aber immer zum Wohle des Volkes. So die Idealvorstellung, oder auch: der Traum. Auch dies ist ein Sozialismus, der freilich mit dem Marx’schen überhaupt nichts zu tun hat. Und den es nicht nur in Deutschland oder Europa  gibt bzw. gegeben hat: in Südostasien z.B., auch in China, war oder gar ist dieser reaktionäre, feudal inspirierte Sozialismus zu finden, ebenso wie in vielen Diktaturen und Oligarchien Afrikas. Vom ehemaligen Ostblock mit seinen teilweise mafiösen Wirtschaftsstrukturen gar nicht erst zu reden. Ein solcher reaktionärer Sozialismus ist natürlich immer rechtsradikal, gleich, wie er sich verschleiern und rechtfertigen mag.

Überhaupt darf man sich im Bemühen, Rechts und Links zu unterscheiden, nicht an die mehr oder minder phantasievollen Legenden und Ausflüchte der Rechten halten. Links heißt wissenschaftlich arbeiten zu wollen und Wissenschaft befasst sich nun mal mit dem Sein und seinen Strukturen, mit den Tatsachen und nicht mit idealistischen Ausflüchten. Deswegen ist es auch sinnlos, sich daran zu halten, wenn irgend wer sich selbst zum Linken und/oder Progressiven erklärt.  Die Frage ist vielmehr: wie analysierst Du die Welt, das gesellschaftliche Sein und seinen gegenwärtigen Zustand – und welche Entwicklungen erkennst Du daran, die es zu fördern gilt, weil sie Verbesserungen bringen? Genau das aber muss man auch nachweisen können. Dichtung überlassen Linke lieber der schöngeistigen Literatur.

Halten wir fest:
Reaktionär und progressiv lassen sich problemlos unterscheiden, wenn man sich mit den Strukturen befasst, auf die sie antworten.Progressive Lösungen sind wissenschaftlich orientiert und passen sich an die der Gesellschaft bereits innewohnenden Entwicklungen an.
Reaktionäre Lösungen trachten danach, eine als unliebsame Veränderung gesehene Entwicklung durch Wiedererrichtung eines alten und überwundenen, jedoch idealisierten Systems zu stoppen.
Im Willen, eine Entwicklung zu stoppen, stimmen Reaktionäre mit Konservativen überein; doch zeigt sich ihr Konservativismus darin, dass sie auch eine Rückentwicklung als indiskutable Neuerung ablehnen.

 

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