Der Fraser-Prozess

Ein kleiner Prozess vor einem britischen Arbeitsgericht schlug vergleichsweise hohe Wellen.

Der Mathematik-Dozent Fraser, ein seit Jahren engagierter Kämpfer für Israel, hatte die größte britische Akademikergewerkschaft UCU verklagt: wegen angeblichem Rassismus. Der natürlich auch in Großbritannien nicht geduldet wird. Begründung: in der israel-kritischen UCU habe sich institutioneller Antisemitismus etabliert und dadurch würden alle britischen Juden diskriminiert, denn, so das dahinter stehende Dogma, zu einem Juden gehöre es, Israel zu lieben und das gehöre zu seiner jüdischen Identität.  Ein nicht ungefährliches Dogma, spricht es doch den Juden, die Israel nicht lieben – und so wenige sind das gar nicht – ab, Juden zu sein. Oder erklärt sie, was ja bei prominenten jüdischen Israelkritikern nicht so selten vor kommt, für psychisch krank.

In diesem Falle waren es immerhin 50 jüdische Mitglieder der UCU, die per Unterschriftenliste die Angriffe Frasers gegen ihre Gewerkschaft zurück wiesen.

Das Gericht entschied: „Der Glaube an das zionistische Projekt oder Israel anzuhängen oder ein ähnliches Gefühl kann nicht auf ein geschütztes Merkmal hinaus laufen. Es ist nicht per se Teil des Judentums.“ Und an die Adresse Frasers gerichtet,
er müsse seinen fairen Anteil an kleineren Verletzungen akzeptieren, denn ein politischer Aktivist akzeptiere die Gefahr, gelegentlich beleidigt oder verletzt zu werden. Zudem bescheinigte das Gericht Fraser eine besorgniserregende Missachtung von Pluralismus, Toleranz und Meinungsfreiheit. Eine größere Klatsche, meint auch Ha’aretz, hätte man ihm wohl kaum verpassen können. Was Grund gewesen sein dürfte, dass Fraser und seine Anhänger es vorzogen, es bei diesem Urteil  zu belassen und keine Revision einzulegen.

(Siehe auch: http://www.haaretz.com/news/national/british-jewry-in-turmoil-after-tribunal-blasts-pro-israel-activist-for-bringing-harassment-case.premium-1.514173)

Die Klatsche ist redlich verdient, hat doch Fraser nichts anderes versucht, als die totalitäre Ideologie, der er anhängt, per Gerichtsentscheid für ganz Großbritannien verbindlich zu machen. Was natürlich jeder Verfassung, in der die Meinungsfreiheit verankert ist, Hohn spricht.

Gemeint ist die Groß-Israel-Ideologie, deren Spielarten von der Einverleibung ganz Palästinas bis hin zur Herrschaft Israels bis zum Euphrat reichen; doch, Leute, die das beanspruchen, gibt es, und alles begründet mit passend ausgesuchten Teilen aus der Thora; ein alt hergebrachtes Verfahren, haben doch vor knapp 2.000 Jahren frühe Christen das gleiche getan, um Jesus als den verheißenen Messias erscheinen zu lassen. Was freilich die jüdischen Schriftgelehrten nicht überzeugen konnte.

Die Groß-Israel-Ideologie ist selbstverständlich nicht gleichzusetzen mit dem Judentum. Aber, und das sollte man nicht übersehen, sie ist auch nicht gleichzusetzen mit dem Zionismus. Denn, wie in einschlägigen Quellen, z.B. auch Wikipedia, nachzulesen, hatte sie zu Beginn des „zionistischen Projekts“ gerade mal 20 % Anhänger. Zur politisch beherrschenden Ideologie in Israel wurde sie tatsächlich erst mit der Ermordung Rabins durch einen ihrer Anhänger und es spricht nichts dafür, dass selbst die Mehrheit der israelischen Staatsbürger sich zu ihr bekennt; die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen, denn Mehrheitsmeinung waren totalitäre Ideologien noch nie in einem Staat, noch nicht einmal der Nationalsozialismus in Deutschland. Denn die Mehrheit der Bürger eines Staates lässt nun mal den Kaiser einen guten Mann sein und kümmert sich nur um ihre eigenen Privatangelegenheiten, sofern des Kaisers Herrschaft nicht zu drückend wird. Zustimmung zu des Kaiser Weltanschauung lässt sich daraus jedoch nicht schließen.

Genau das, nämlich, dass das ganze Volk dieser Ideologie zustimme, beanspruchen aber totalitäre Ideologen. Wer ihr nicht zustimmt, wird exkludiert, gilt als Volksfeind, Verräter, Entarteter, Kranker, wird schlichtweg ausgebürgert. Unabhängig davon, ob diese Ideologie nun staatliche Macht hat oder nicht. Ob bei heutigen Nazis, früherer RAF, tatsächlich ausgebürgerten DDR-Bürgern oder bei Scientology, das Phänomen ist stets das gleiche. Das gleiche ist es auch, wenn Fraser die Führung des britischen Judentums dazu aufruft, eine Antisemitismus-Definition zu etablieren, die den Glauben an den Zionismus und die Hingebung an Israel in das Judentum integriert; die Kehrseite ist nämlich, dass, wer diesen Glauben nicht teilt, dann nicht mehr als richtiger Jude anzuerkennen und aus dem Judentum quasi auszubürgern ist. Was dann auf einen nicht geringen Teil insbesondere der US-amerikanischen Juden zutreffen dürfte. Dass damit auch alle nicht-jüdischen Israeli de facto aus Israel ausgebürgert werden, sofern sich dieser als jüdischer Staat versteht, was bei den Groß-Israel-Ideologen der Fall ist, ist die logische Konsequenz.

Totalitäre Ideologien sind irrational. Sie basieren nicht auf vernünftigen Argumenten oder gar wissenschaftlichen Grundlagen, sondern auf Glaube und Gefühl. Schlicht und einfach gesagt: wer einer solchen Ideologie anhängt, will seinen egoistischen Willen ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen – gegen alle vernünftigen Argumente. Letztlich sogar gegen Argumente, die eigentlich in seinem eigenen, wohlverstandenen Interesse liegen. Ein selbstzerstörerisches Element haftet solchen Ideologien an.  Selbst irrational, sind sie auch nicht in der Lage, sich dem rationalen Diskurs zu stellen. Dem begegnen sie vielmehr mit dem immer gleichen irrationalen Argument: Hass. Ein Postulat: wer mir nicht zustimmt, tut das nicht, weil er dafür vernünftige Gründe hat, sondern weil er mich hasst. Alle, die mir nicht zustimmen, hassen mich, und deswegen kann und muss ich sie bekämpfen, das ist Notwehr. Klingt verrückt, wird aber geglaubt. Und hat eher mehr denn weniger mörderische Konsequenzen.

Welcher Natur dieser Hass ist, wird der am leichtesten erkennen, der schon mal mit insbesondere evangelikalen Missionierungsbemühungen traktiert wurde. Die nämlich trachten notorisch danach, ihre Opfer vom üblen Hass durch Bekehrung zu erlösen. Dem allerdings meist ein Hindernis entgegen steht: die Opfer hegen gar keinen Hass, von daher sind sie, was das betrifft, auch gar nicht erlösungsbedürftig. Woraus sich messerscharf schließen lässt: diejenigen, die ein notorisches Hass-Problem haben, sind nicht die Opfer der Missionierungswut, sondern die Missionierenden selber. Der eigene Hass wird auf den anderen projiziert.

Hass ist ein Schlüsselwort, geradezu ein Indikator für totalitäre Ideologien. Wo immer es uns begegnet, sollten wir aufmerken: Achtung, hier hat sich jemand von der Vernunft verabschiedet, hier haben wir eine nur auf blindem, fanatischem Glauben basierende Ideologie vor uns. Dabei ist es völlig egal, ob im Folgenden über Friede, Freude, Eierkuchen und die Liebe unter den Menschen schwadroniert wird: die Basis ist Hass, und das ist nicht der Hass, der auf andere projiziert wird, sondern der ureigene Hass derjenigen, die ihre Ideologie darstellen oder gar für sie zu missionieren trachten.

Letztlich ist es allerdings weiter nichts anderes, als das gute alte ad hominem Argument derjenigen, die keine vernünftigen Argumente mehr haben.
(26.06.2013)

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