Ein Hijleh (Deutsch)

Fangen wir an mit dieser Karte aus Westjordanland. Das gehört Palästina.

KarteDas Blaue ist die Oslo Zone C. Die gehört auch Palästina. Besetzt wurde die Westbank 1967. Damals wurde auch Ein Hijleh ethnisch gesäubert und dicht gemacht, die Bewohner vertrieben.

Über die Zone C sollte lt. Oslo II, das 1995 unterzeichnet wurde, noch detaillierter verhandelt werden, wegen der damals ca. 130.000 israelischen Siedler, die sich seit 1967 dort eingefunden hatten und weil Israel, wie üblich, Sicherheitsaspekte geltend machte; aber ein Teilrückzug sollte schon mal bis 1999 erfolgen. Hat Israel natürlich nicht gemacht und inzwischen leben ca. 300.000 Siedler dort. Dazwischen gab’s noch einen Siedlungsstopp, nämlich 2001 bei der Vereinbarung der sog. Roadmap. Damals gab es in der Westbank ca. 200.000 Siedler. Man sieht also, diese Abkommen waren tatsächlich ihr Papier nicht wert, und weil das auch die EU gemerkt hat, gibt es nun einen Boykott gegen die Wirtschaft in diesen illegalen Siedlungen.

Wer sich die Karte anschaut stellt fest, dass Palästina vom gesamten Jordan abgeschnitten ist. Und damit vom Gebiet mit seinen wichtigsten Ressourcen, wozu natürlich auch das Jordanwasser gehört. Was natürlich eine prima Methode ist, den Landwirten die Existenz abzugraben, denn wo kein Wasser, da ist auch nichts mit Ackerbau. Wo keine Siedlungen sind, gibt’s militärische Sperrgebiete, und wo das doch zu komisch aussieht, erklärt man es eben zum Naturschutzgebiet. Quasi auf Vorrat. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die palästinensischen Städte dort, die lila Punkte, zum nicht geringen Teil von internationaler Stütze leben.

Die Rechtsradikalen in Israel, die inzwischen wohl so ziemlich den Mainstream ausmachen dürften, behaupten, das Westjordanland gehöre ihnen, denn das sei Judäa und Samaria. Schön. Das ist Religion, also ist es ihnen unbenommen, das zu glauben. Es gibt aber eine Menge Religionen in der Welt, das Judentum ist beileibe nicht die Bedeutendste, und deswegen kann keine Religion verlangen, als die einzig wahre anerkannt zu werden (das beansprucht schließlich jede zu sein), sondern sie hat sich an das profane internationale Recht zu halten. Schließlich haben auch die Christen schon mal behauptet, Palästina gehöre ihnen und auch das ‚gerechtfertigt‘ mit ihrem religiösen Glauben, nach dem die Juden keinen Anspruch darauf hatten, weil, seit Jesus gäbe es einen neuen Bund mit Gott und ein neues Volk Gottes, nämlich die Christen. Die alten Palästinenser, Kanaaniter, Philister und wie ihre Vorfahren alle hießen, sind das seit über 3.000 Jahren gewöhnt und niemand kann ihnen verdenken, dass sie solche religiös gerechtfertigten Ansprüche nicht kümmert; kennt man schließlich.

Heute hält die zivilisierte Welt sich an das säkulare internationale Recht und nach diesem Recht gehört die Westbank Palästina. Basta. Etwas anderes gilt nicht. Gewiss nimmt die internationale Gemeinschaft Rücksicht auf alle Menschen, die dort leben, also auch auf die illegalen Siedler, ändert aber nichts an den territorialen Verhältnissen: das Staatsgebiet eines Staates und die Individuen, die darin leben, sind zwei verschiedene Baustellen.

Dass die Palästinenser irgend wann sagten, es reicht, wir drehen jetzt den Spieß um, wir holen uns unser angestammtes Revier zurück, und zwar ganz friedlich und zivil, liegt nahe – denn genau so agieren schließlich die illegalen israelischen Siedler; nur dass sie in der Regel nicht an ihrem Vorhaben gehindert werden und auch weniger friedlich sind. „Salz der Erde“ heißt das Programm der Palästinenser, arabisch „Melh al-Ard“. Ein Hijleh war nicht die erste derartige Rückholaktion und es wird auch nicht die letzte sein, aber sie war diejenige mit der bisher größten Aufmerksamkeit.

Dass etwas im Busch war, hatten die Israelis gemerkt und die militärischen Patrouillen verstärkt. Nützte aber nichts. Die Palästinenser gingen planvoll vor, tauchten urplötzlich in Ein Hijleh auf und innerhalb von 10 Minuten war es von ca. 300 Palästinensern besetzt. Nicht von irgend welchen Fremden, sondern überwiegend von Leuten, die aus der Region stammten und sich entsprechend gut auskannten. Das war am 31. Januar und am nächsten Morgen sah das dann so aus: 0102 Morgen

Das hat den Israelis natürlich nicht gepasst; sie haben erst mal die Zugänge abgeriegelt, vor allem die Hauptstraße, Route 90 westlich von Jericho, an deren Ostseite Ein Hijleh liegt. Insbesondere Wasser und Lebensmittel sollten nicht dorthin gelangen und natürlich auch keine Journalisten. Konfisziertes Wasser konnte man sich zunächst friedlich zurück erobern und Besuch, der so einiges mit brachte, bekam man auch: mit großem Hallo traf eine ganze Gruppe Beduinen aus Hebron ein – zu Pferde. Pferd  Reichlich bepackt mit Lebensmitteln für die obligatorische abendliche Party.

Auch sonst gab es reichlich Besuch. Viele aus den Dörfern und Städten der Umgebung wollten mal vorbei schauen oder gar wenigstens eine Nacht dort verbringen. Von den Israelis ließen sie sich nicht hindern; die mochten Busse und LKW’s aufhalten, die PKW’s fuhren dann eben daran vorbei.

Ein besonderes Ärgernis war dieses Transparent: Staat Palästina – Dorf Ein Hijleh – Willkommen, besagt es, und hier wird es an der Route 90 gehalten. Es hat die Straßehinten zu sehenden Isralischen Soldaten dermaßen geärgert, dass sie gleich versuchten, das Dorf zu räumen. Mit Tränengas und Körpereinsatz, bei dem der Arm eines Palästinensers zu Bruch ging, der jedoch, nachdem der Arm im Krankenhaus in Jericho geschient und versorgt worden war, unverdrossen zurück kehrte.

Offensichtlich hatten die Israelis es nicht,  wie immer wieder behauptet, mit Militanten zu tun, sondern mit ganzBewohner u Soldat normalen, friedlichen Bürgern, dazu auch noch solchen aus der Region, die sich bestens auskannten und, wie man hier sieht, vor israelischen Soldaten keinen besonderen Respekt hatten. Im Gegenteil: sie gaben das Motto heraus, wir machen das ganz ohne jede Gewalt, aber wir gehen nicht weg und stellen uns ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Nun, da konnten die paar Soldaten nicht viel machen und zogen wieder ab. Nicht, ohne vorher das sorgfältig an eine Wand gemalte Willkommensbild zu beschmieren.

Es kamen mehr Besucher. Am wichtigsten Erzbischofvielleicht Erzbischof Atallah Hanna. Denn das alte kanaanitische Ein Hijleh war ein christlich-orthodoxes Dorf, der Grund gehört also eigentlich der Kirche. Natürlich ließen die Israelis Erzbischof Hanna nicht durch; machte nichts, ging er eben die letzten Kilometer nach Ein Hijleh zu Fuß, ebenso, wie eine Delegation EU-Diplomaten, die mit ihrem Besuch auch ihre Sympathie bekundeten. Erzbischof Hanna hatte nichts gegen die Wiederbesiedelung von Ein Hijleh und erklärte, die Kirchen Palästinas stünden allesamt hinter dieser Aktion.

Ein Hijleh war inzwischen fröhlich bunt Dorflebengeschmückt und es herrschte reges Treiben. Alte Häuser wurden repariert, Bäume gepflanzt, Wege von Geröll geräumt, sogar eine Solaranlage wurde installiert. Viel beschäftigt war man auch mit der Wasserleitung, die nämlich wurde vier Mal von der israelischen Armee gekappt – und vier mal von den Palästinensern wieder repariert. Methode Gaddafi, denn auch der kappte den libyschen Städten, die er belagerte, Gas, Strom und Wasser. Abends wurde gemeinsam gekocht und gegessen, musiziert und Vorträge gehalten. Es dürfte manchen an Hausbesetzungen in westlichen Staaten erinnern, nur, dass Ein Hijleh bunter,Kindergeburtstag fröhlicher, familiärer und auch friedlicher war.

In der Nacht zum 6. Februar kam eine neue Schikane mit einem ziemlich bösartigen Anstrich: das Militär umkreiste das Dorf in Militärwagen mit Sirenengeheul. Da denkt man unwilllkürlich an eine ‚beliebte‘ Foltermethode, mit der man politische Gefangene klein zu kriegen trachtet: systematischer Schlafentzug. Die Bewohner von Nabi Saleh nahmen das zum Anlass, ihre Freitagsdemonstration abzusagen und statt dessen mit Mann und Maus nach Ein Hijleh zu ziehen, um dort auch die Nacht zu verbringen. Dort wurde am Abend auch der ohnehin anstehende Kindergeburtstag gefeiert.

„Wir sind gekommen, um zu bleiben“,Soldaten es war klar, dass mit paar Schikanen nichts gegen diese Palästinenser auszurichten war. Zumal Palästinenser dagegen ziemlich abgehärtet sein dürften. Gefängnis, Lager, Folter, Schläge, damit rechnet man inzwischen. Also zogen die Israelis gleich Dieben in der Nacht zum 7. Februar rund 1.000 Soldaten und Grenzpolizisten zusammen und brachen los. Man sollte mal in dieses Video hinein schauen, um eine Vorstellung davon zu erhalten. ca. 500 Männer, Frauen und Kinder, die Soldaten aus den MilitärKrankenwagen heraus holten, in die die Erwachsenen sie schnell in Sicherheit gebracht hatten, wurden gewaltsam festgenommen, in Busse verfrachtet und nach Jericho transportiert, dessen Krankenhaus natürlich auch zu tun bekam, denn es gab ca. 40 Verletzte, meist durch Schläge mit Gewehrkolben. Einige Frauen gerieten fast in Panik, denn die Israelis hatten sie so nahe ans offene Feuer getrieben, dass sie fürchteten, hinein zu fallen. Und doch dauerte es noch relativ lange, bis die Israelis das Dorf vollständig geräumt hatten, denn so leicht ließen sich diese Zivilisten nicht vertreiben; man musste sie quasi weg tragen.

Die Israelis leisteten ganze Arbeit: sie kamen gleich mit Bulldozern und man spürt den Hass, der dahinter sitzt, gebremst einzig dadurch, dass die Palästinenser gewaltlos Widerstand leisteten, sich nicht prügelten, Steine oder gar Feuerwerkskörper schmissen, wie es unsere jugendlichen Hooligans so gern tun, wenn es gegen die „Bullenschweine“ geht. Genau so hätten unsere Jugendlichen wohl auch die israelische Soldateska genannt, mit einigem Recht – aber Palästina ist kein Randale-Spiel. Da geht es um etwas Essentielles, das eigene, angestammte Land, von dem sie in langen Jahren, Jahrzehnten gar, systematisch vertrieben wurden. „Ethnic Cleansing“ nennt man das.

„Wir kommen wieder “ – ja, das wird wohl so sein. Denn Ein Hijleh steht auch weiterhin dort im besetzten Westjordanland, als Mahnmal für so viele andere Orte, die ihre angestammten Bewohner gezwungenermaßen verlassen mussten, nun aufgeräumt und geputzt und mit der lebendigen Erinnerung an fröhliches Menschenleben, das es dort für eine Woche gab und das auch wieder kehren wird – dann aber wohl für immer.

Jede Spur beseitigt

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