Aus dem Querfrontdickicht

Wegen der Naivität, mit der allzu viele an Ideologien heran gehen, insbesondere mit dem Glauben, rechts und links seien klar unterschieden, führe ich mal dieses Beispiel vor:

Das ist Mathaba. Sieht gut aus, nicht war? Ist es aber nicht.

Entstanden ist es unter erheblicher Förderung durch Gaddafi und war ihm stets treu ergeben. Was zumindest im öffentlichen Teil nicht mehr sichtbar ist: über diese Seite konnte auch lange Zeit sein Grünes Buch gelesen und bezogen werden.

Mathaba selbst behauptet allerdings, es werde verwechselt, nämlich mit Gaddafis World Mathaba. Wegen Wikipedia engl. Weil es sich unter halbwegs Eingeweihten längst herum gesprochen hat, wer Mathaba ist. Ich behaupte: diese angebliche Verwechselung ist eine glatte Lüge. Solche Lügen findet man auch in anderen suspekten Medien immer wieder, wenn sie enttarnt sind. Ich behaupte, World Mathaba, das mir heute erstmals begegnet ist, ist eine Fake-Seite. Um Mathaba zu entlasten. Tatsächlich gab es nie ein anderes Mathaba als dieses – und nebenbei bemerkt war Gaddafis Farbe grün. Mathaba-Grün. Der hätte nie blau genommen.

Richtig ist, was Wikipedia schreibt: Mathaba hat auch Leute, wie Dave Duke und Louis Farrakhan dort publizieren lassen. Beide sind Rechtsradikale. Duke ist der prominenteste Neonazi in den USA, der viel verreist, bestens vernetzt ist, auch mit europäischen Rechtsradikalen. Beide hatten sehr gute Beziehungen zu Gaddafi; Duke war noch im Sommer 2010 zu einem ‚Staatsbesuch‘ in Tripoli. Ohnehin sind die Gaddafis als Finanziers der internationalen Rechtsradikalenszene zu betrachten: so finanzierte der alte die Übersetzung von Haiders Buch in’s Englische, Sohn Saif rühmte sich in der Wiener „Die Presse“, Kontakte zu allen wichtigen Leuten der europäischen Rechtsradikalenszene zu haben. Saif ist ein klassischer Faschist, während Vater Gaddafi Anarchist war.

Doch es geht noch weiter. Der recht starke Fokus auf Berichte aus Australien hat einen personellen Hintergrund: dort nämlich sitzt Welf Herfurth. Ein Deutscher, der nach Australien auswanderte, weil ihm daheim der Boden zu heiß wurde. Er war nicht nur NPD-Mitglied, sondern engagierte sich auch in paramilitärischen Nazi-Kampftruppen, wie er dort sogar selbst schreibt oder schreiben lässt. Herfurth gehört zu den wichtigsten Leuten auf Mathaba.

Die von Herfurth vertretene Richtung wird Nationalanarchismus genannt und wird zur Querfront gezählt. Um das Herausbaldowern haben sich australische Antifaschisten verdient gemacht; Australien hat allerdings auch eine besonders wilde Rechtsextremistenszene, da gibt’s sogar eine Art NSDAP. Wer mag, kann nach Welf Herfurth oder National Anarchism googeln.

Da diese Beziehungen natürlich alle anrüchig sind, werden sie verschleiert. Und zwar dadurch, dass sich ihre Träger an populäre Bewegungen ran hängen. So widmete sich Mathaba, sobald absehbar war, dass Gaddafi den Krieg verlieren würde, der Occupy-Bewegung, vor allem in den USA. Nicht ohne Erfolg, wobei sie mit Sicherheit nicht die einzigen waren: auch in Deutschland kann man davon ausgehen, dass ein Teil der Occupy-Bewegung rechtsradikal unterwandert ist.

Logisch, dass Mathaba sich nun intensiv der Datenschutzbewegung widmet, auch das nicht als einzige. Insbesondere Autonome Nationalisten, die sich auf alte Linksnazis wie Strasser berufen, tun es ihnen gleich. Insofern ist diese Mathaba-Angelegenheit nur als ein Beispiel zu betrachten.

Nun heißt es zwar, national und anarchistisch seien Oxymorone, da Anarchisten prinzipiell antinational sind. Das aber ist als ‚Abstandshalter‘ nicht ausreichend. Tatsächlich enthält Nationalsozialismus immer ein anarchisches Element: die Kristallnacht war ein anarchisches Ereignis. Das liegt darin begründet, dass der Faschismus – Führer hin, Führer her – sich ideologisch immer auf die Befreiung der Volksseele beruft. Im Klartext: er stützt sich auf die Freiheit des Mobs, den die von ihm verehrten Führer beliebig lenken.

Insbesondere heutzutage ist Nationalchauvinismus kein zuverlässiger Indikator für Rechtsradikalismus mehr. Speziell Dugin, einer der wichtigsten Ideologen des modernen Faschismus, vertritt eine Art Multikulti-Theorie („multipolare Welt“) – allerdings alle Kulturen immer schön getrennt voneinander. Andere Völker und Kulturen werden von ihm durchaus akzeptiert, aber nicht im eigenen Land; wenn unvermeidlich, dann in einer Art Ghettos. So ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass türkische und deutsche Nazis sich bestens verstehen können. Denn beide sind sich darin einig, dass Deutsche und Türken nur getrennt voneinander zu leben haben.

Ein weit zuverlässigerer Indikator für modernen Rechtsradikalismus ist also die Rassentrennung. Rassentrennung, weil für Rechtsradikale eine Kultur aus der biologischen Einheit, Volk und Rasse, erwächst.

Nicht zu vergessen ist ein weiterer Aspekt, den alle Querfrontler, ob Faschisten, Pseudo-Sozialisten oder Anarchisten miteinander teilen: die Relativierung der Menschenrechte. Diese betrachtet Dugin ausdrücklich als Kulturimperialismus der USA. Ihnen entgegen und über sie stellt er die „traditionellen Werte“, also die der jeweiligen Kulturen. Derzeit plakativstes Beispiel ist der Umgang mit Homosexualität.  Wenn der Mob der eigenen Kultur den Willen hat, Homosexuelle zu unterdrücken, zu drangsalieren oder gar zu töten, so ist nach Auffassung der Rechtsradikalen diesem Willen nachzugeben. Wer sich statt dessen auf die natürlich auch für Homosexuelle geltenden Menschenrechte berufe, unterwerfe sich damit dem US-Kulturimperialismus, dessen Zweck es sei, sich politisch die Welt zu unterwerfen. Im Zweifel kämpft man dann gegen den US-Imperialismus, indem man seine Homosexuellen umbringt. Es ist zu erwähnen, dass Dugin gute Kontakte in den Kreml hat. Russland hat bereits einen Antrag bei der UNO eingebracht, die „traditionellen Werte“ zumindest gleichberechtigt neben die Menschenrechte zu stellen.

Die Relativierung der Gültigkeit der Menschenrechte zugunsten der „traditionellen Werte“ hat seine Logik. Rechtsradikalismus ist immer mit Natur und Biologie verbunden, darauf stützt er sich. Der Grundgedanke stammt von Spengler: eine Kultur entwickle ein Volk, das aus seinem Boden gewachsen sei wie die einheimischen Pflanzen („Blut und Boden“). Damit wird – siehe Rassentrennung – etwas allen Menschen gemeinsames Menschliches in Abrede gestellt. Die Gemeinsamkeit reduziert sich einzig auf die äußere Gestalt. Reflexionsfähigkeit, Sprache, Bedeutungen, Verstehen wird von ihnen nicht als für das allgemein Menschliche konstituierendes Element betrachtet (de facto haben die keine Ahnung vom Menschen). Wer aber keine solche Gemeinsamkeiten aller Menschen erkennt und anerkennt, der kann auch nicht die Menschenrechte als universal anerkennen. Für den ist alle Ethik Kultur- oder gar biologisch volksbedingt. Wenn also ein Volk oder eine Kultur der Auffassung ist, Homosexuelle seien um die Ecke zu bringen, dann habe das Vorrang vor als fiktiv angesehenen Menschenrechten.

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